Gemeinsame Stellungnahme der DVPB Hessen und der politikdidaktischen Professuren in Hessen zur geplanten Änderung des Hessischen Lehrkräftebildungsgesetzes (HLbG) sowie der Verordnung zur Durchführung des HLbG (HLbGDV)

Die an den hessischen Universitäten und Studienseminaren maßgeblich an der Lehrkräftebildung in den Gesellschaftswissenschaften beteiligten Wissenschaftler*innen haben ähnlich wie unsere Kolleg*innen aus den Bildungswissenschaften, den Fachdidaktiken und unsere Kolleg*innen im hessischen Schuldienst begründete Bedenken gegenüber dem aktuellen Vorschlag zur Änderung des Hessischen Lehrkräftebildungsgesetzes (HLbG) und der zugehörigen Verordnung (HLbGDV).
Die Deutsche Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) ist der Fach- und Berufsverband politischer Bildner*innen in Schule und außerschulischer Jugend- und Erwachsenenbildung. Im Landesverband Hessen vernetzen sich zugleich Hochschullehrende und Ausbilder*innen der ersten, zweiten und dritten Phase der Lehrkräftebildung wie auch sozialwissenschaftliche Fachlehrer*innen.
Die DVPB Hessen befürwortet die explizite Hervorhebung gesellschaftlicher und demokratischer Zielsetzungen in der Lehrkräftebildung mit besonderer Beachtung der „Entwicklung von Schule und Unterrichtsqualität in Bezug auf die gesellschaftliche Vielfalt und nachhaltige Entwicklung“ (§ 1 Abs. 3 HLbG) sowie die Ergänzung der zentralen Kompetenzen für die „Bildungswissenschaften“ durch den Zusatz: „demokratische Werte und Normen sowie deren Vermittlung kennen und reflektieren“ (§15 Abs. 4 HLbGDV). Zudem ist die grundsätzliche Zielstellung einer stärkeren Verknüpfung der wissenschaftlichen und berufspraktischen Ausbildungsteile ebenso wie der drei Phasen der Lehrkräftebildung ein zweifellos begrüßenswerter Ansatz.
Die Vorschläge für die Umsetzung dieser ambitionierten Ziele stehen hierzu jedoch in einem eklatanten Widerspruch und stoßen bei den Kolleg*innen der universitären und schulischen Lehrkräftebildung aus folgenden Gründen auf scherwiegende Bedenken:
(1)   Zusätzliche Aufgaben und Ziele der Lehrkräftebildung als Querschnittsaufgaben (u. a. Politische Bildung als Demokratiebildung, Inklusion, Digitalisierung, Berücksichtigung von Diversität, Bildung für nachhaltige Entwicklung, §1 Abs. 4 HLbG) sowie die Einführung eines zusätzlichen Langfachs für die Grundschule können (§ 3 HLbG) nicht bei einer gleichzeitigen faktischen Verkürzung der Studienzeit (aufgrund der Verstetigung einer Praxisphase in der bisherigen Studienzeit) erreicht werden. Für die Studierenden bedeutet die Ausweitung dieser Studieninhalte eine massive Verdichtung und Überfrachtung, die nicht adäquat in der zur Verfügung stehenden Studienzeit bewältigt werden kann.
(2)  Hessen hält mit diesem Lehrkräftebildungsgesetz an einem nicht mehr dem wissenschaftlichen Standard entsprechenden Bildungsverständnis fest, nach dem Lehrkräfte für Grund-, Haupt- und Realschulen lediglich auf dem Niveau eines Bachelorstudiums ausgebildet werden. Damit entkoppelt sich Hessen nicht nur in deutlicher Weise von den anspruchsvollen KMK-Bildungsstandards, sondern ebenso von den Empfehlungen des 16. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung sowie von europäischen Rahmenempfehlungen.
(3)   Mit dem Festhalten an der siebensemestrigen Regelstudienzeit für das Grund-, Haupt- und Realschullehramt, das fachlich in keiner Weise zu rechtfertigen ist, kommt zusätzlich das immer drängendere Problem des fehlenden wissenschaftlichen Nachwuchses auf die universitären Ausbildungsstätten zu: Es gibt keine promotionsfähigen Absolvent*innen im GHR-Bereich aus Hessen, die als wissenschaftliche und pädagogische Mitarbeitenden und Dozent*innen an der Universität – ohne ein weiteres Master-äquivalentes Aufbaustudium – beschäftigt werden können; d. h. die hessischen Universitäten stellen als Ausbilder*innen für GHR notwendigerweise Absolvent*innen aus anderen Bundesländern oder aus dem Gymnasialbereich sowie mit anderen Masterabschlüssen ein, die mit den curricularen und pädagogischen Rahmenbedingungen an hessischen Grund-, Haupt- und Realschulen nicht vertraut sind.
(4)  Die landesweite Erstellung von zentralen Klausuren im Rahmen der Ersten Staatsprüfung (§ 22 Abs. 2 HLbG) beschneidet nicht nur die Möglichkeiten einer differenzierten, fachadäquaten Gestaltung von Studium und Prüfung massiv, sondern verstößt auch gegen die grundgesetzlich verbriefte Freiheit von Forschung und Lehre. Die Zentralisierung von Abschlussprüfungen wird den anspruchsvollen Kompetenzanforderungen und Standards einer wissenschaftlichen Ausbildung mitnichten gerecht. Sie führt unweigerlich zu einer curricularen Engführung und einem unwissenschaftlichen „teaching to the test“ statt die Kompetenzen eines forschenden Lernens und Lehrens durch die eigenständige Bearbeitung aktueller Themen und Problemfelder auch in den Abschlussprüfungen zu dokumentieren.
(5)   Politischer Bildung als Demokratiebildung kommt durch die Hessische Verfassung und durch das Hessische Schulgesetz besondere Bedeutung zu. Insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender antidemokratischer Tendenzen und Populismen als Schlüsselprobleme unserer Zeit ist eine curriculare und schulkulturelle Verankerung politischer Bildung in der Schule unerlässlich für heranwachsende Bürger*innen. Politische Bildung als Querschnittsaufgabe muss daher von allen Lehrkräften in der Schule vermittelt werden. Daraus folgt, dass Politische Bildung auch in der universitären Phase der Lehrkräftebildung als verpflichtender Bereich studiert werden muss. Aus diesem Grund sehen wir die Umbenennung und Engführung der erziehungs- und gesellschaftswissenschaftlichen „Grundwissenschaften” hin zu nicht näher spezifizierten „Bildungswissenschaften” weiterhin kritisch. Genauso kritisch ist diese Entwicklung für die zweite und dritte Phase der Lehrkräftebildung einzuschätzen. Politische Bildung muss auch hier einen festen Platz in Aus-, Fort- und Weiterbildungsangeboten haben.

Wir formulieren daher folgende Vorschläge und Forderungen zur Nachbesserung:

(1)  Ein Langfach für Studierende im Grundschullehramt (§ 10 Abs. 2 HLbG) kann weder fachdidaktisch noch fachwissenschaftlich verantwortet und muss daher gestrichen werden, wenn nicht die Regelstudienzeit auf zehn Semester erhöht wird.
(2)  Die Angleichung der Regelstudienzeit aller Lehramtsstudiengänge auf zehn Semester ist unerlässlich. Nur unter dieser Voraussetzung kann auch die Einführung eines Langfachs L1 umgesetzt und das Praxissemester für alle Lehramtsstudiengänge verstetigt werden.
(3)  Insbesondere für ein Langfach Sachunterricht werden zusätzliche Kapazitäten nicht nur für die Lehre, sondern auch für eine transdisziplinäre Studiengangsentwicklung benötigt: Ein Langfach aus mindestens drei Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik), fünf Gesellschaftswissenschaften (Geographie, Geschichte, Politik, Soziologie, Wirtschaft) und Technik stellt eine Überforderung dar und führt zu einem Qualitätseinbruch (im Vergleich zu den bisherigen Fachexpertisen in L2). Ein Langfach Sachunterricht ist – wenn überhaupt – nur mit drei verschiedenen Schwerpunktsetzungen (Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften, Technik/Arbeitslehre) umzusetzen. Dazu benötigen die Gesellschaftswissenschaften (ebenso wie die Naturwissenschaften) fächerverbindend aufgestellte Arbeitsgruppen zur Entwicklung entsprechender Studiengänge.
(4)  Politische Bildung für das Lehramt an Förderschulen soll hessenweit neu konzipiert und als Unterrichtsfach von der 1-10 Klasse weiterentwickelt werden. Dazu müssen entsprechende Ressourcen für die Konzeptionsentwicklung eines transdisziplinären Studiengangs (Gesellschaftswissenschaften/Politische Bildung für die Förderschule) sowohl für den in Kassel neu einzurichtenden Studiengang für Förderpädagogik als auch für die bestehenden Standorte (Frankfurt und Gießen) bereitgestellt werden.
(5)  Wir empfehlen dringend das bisherige Verständnis der „Grundwissenschaften“ nicht allein durch den (in erster Linie auf Pädagogik und Pädagogische Psychologie fokussierten) Begriff der „Bildungswissenschaften“ zu ersetzen, sondern hier die zentrale Rolle der Gesellschaftswissenschaften (v. a. im Hinblick auf die oben erwähnten Bildungsziele, entspr. § 1 HLbG und § 15 DV) auch im Titel zu betonen. Daher schlagen wir die Begriffsänderung in „Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften“ vor.
(6)  Für die Umsetzung der ambitionierten Bildungsziele (§1 HLbG) ist eine stärkere Berücksichtigung und deutliche curriculare Verortung (Diversität, Nachhaltigkeit, Demokratiebildung etc.) in den Studienanteilen sowohl in den Einzelfächern als auch in den Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften erforderlich.
(7)  Eine Verstetigung der „praktischen Ausbildung“ (bisher Praxissemester) kann nur bei gleichzeitiger Ausweitung der Regelstudienzeit (auf zehn Semester) fachlich und pädagogisch fundiert umgesetzt werden. Dazu bedarf es einer engen Verschränkung von bildungs-, gesellschafts-, fachwissenschaftlichen sowie fachdidaktischen Vorbereitungs-, Begleit- und Nachbereitungsseminaren.
(8) Wir befürworten die Verantwortung der Hochschulen für die Klausuren in der Ersten Staatsprüfung und lehnen die Zentralisierung dieser Prüfung ab.

Für den Vorstand der DVPB Hessen
BENEDIKT WIDMAIER
(1. Vorsitzender)
PROF. DR. SUSANN GESSNER
(2. Vorsitzende)
DR. CHRISTOPH BAUER
(Geschäftsführer)
PROF. DR. ANDREAS EIS
(Beisitzer)
PHILIPP KLINGLER
(Beisitzer)
JULIANE HAMMERMEISTER
(Beisitzerin)
MARIA SCHNEIDER
(Beisitzerin)
DR. MARTINA TSCHIRNER
(Beisitzerin)
Die politikdidaktischen Professuren in Hessen
PROF. DR. TIM ENGARTNER
(Professor für Didaktik der Sozialwissenschaf-ten mit dem Schwerpunkt politische Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt)
PROF. DR. ANDREAS EIS
(Professor für Didaktik der politischen  Bildung an der Universität Kassel)
PROF. DR. SUSANN GESSNER
(Professorin für Didaktik der politischen  Bildung an der Philipps-Universität Marburg)
PROF. DR. SOPHIE SCHMITT
(Professorin für Didaktik der Sozialwissenschaften  an der Justus-Liebig-Universität Gießen)

Hessischer Politiklehrer:innentag 2021

Liebe Mitglieder und Interessierte der DVPB Hessen,

die Digitalisierung verändert Schule und Unterricht nicht erst seit der Corona-Pandemie. Auch an die politische Bildung wird nun vermehrt der Anspruch gestellt, „für die digitale Welt zu bilden“. Neben den methodischen Innovationen stehen gerade im Politikunterricht auch neue inhaltliche Fragen im Fokus: Wie wandelt sich das politische System? Was bedeutet politische Teilhabe im Digitalen? Welchen Einfluss haben Verschwörungsideologien und Fake News auf die demokratische Gesellschaft? Welche Auswirkungen haben Big Data, Künstliche Intelligenz und Algorithmen auf politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse?

Hessischer Politiklehrer:innentag 2021 „Digitalisierung als Chance und Herausforderung politischer Bildung

Die DVPB Hessen widmet diesen Fragen und ihrer Vermittlung im Politikunterricht den diesjährigen Hessischen Politiklehrer:innentag am 22. September 2021 in der Evangelischen Akademie Frankfurt. Durch Vorträge von Prof. Dr. Ursula Münch und Prof. Dr. Wolfgang Sander sowie in drei unterrichtsbezogenen Workshopangeboten werden diese und weitere Fragen praxisbezogen diskutiert. Neben diesen Angeboten wird es bei einem Abendimbiss die Möglichkeit zum kollegialen Austausch geben. Die Plätze zur Vor-Ort-Teilnahme sind beschränkt, sodass die Vorträge und die Diskussion außerdem als Online-Livestream für alle Interessierten angeboten werden.

Da die pandemischen Umstände derzeit keine größere Präsenzveranstaltung zulassen, wird die Hauptveranstaltung außerdem durch eine digitale Workshopwoche vom 23.-30. September 2021 ergänzt. In jeweils eigenständigen Workshopangeboten werden u. a. Fake News und Verschwörungsmythen als Herausforderungen für die Demokratie, die Konstruktion von zeitgemäßen Lernaufgaben in hybriden Lernsettings und der Einsatz von Internet-Memes zur Förderung der politischen Medien- und Urteilskompetenz thematisiert.

Die Vor-Ort-Veranstaltungen und die Angebote der digitalen Workshopwoche wurden als Fortbildungen für Politiklehrkräfte von der Hessischen Lehrkräfteakademie akkreditiert.

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung bis zum 31. August finden Sie unter www.politiklehrerinnentag.de

Im Anhang dieser E-Mail finden Sie ferner Poster und Flyer zur Veranstaltung. Über die Weiterleitung dieser an interessierte Kolleg:innen würden wir uns sehr freuen.

 

Über den Hessischen Politiklehrer:innentag

Der Hessische Politiklehrer:innentag findet im Jahr 2021 das erste Mal statt und wird fortan jährlich ausgerichtet. Er bietet neben fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Input-Vorträgen auch die Möglichkeit, die Vermittlung von Inhalten und die Förderung von Kompetenzen in unterrichtsbezogenen Workshops zu erproben, zu diskutieren und zu reflektieren. Daneben gibt es Zeit und Raum, um sich mit Kolleg:innen aus ganz Hessen über den Politikunterricht und darüber hinaus auszutauschen. Im nächsten Jahr hoffen wir auf eine reguläre Veranstaltung in Präsenz.

Bei Rückfragen können Sie sich jederzeit gerne an das Organisationsteam (anmeldungen@politiklehrerinnentag.de) wenden. Wir freuen uns auf die interessanten Veranstaltungen und den kollegialen Austausch mit Ihnen!

 

Für die DVPB Hessen

Susann Gessner, Jörn Bollinger und Philipp Klingler

Best Practice – Politik und Wirtschaft in Hessen unterrichten. Ein Angebot der DVPB Hessen

Zurzeit ist der Austausch zwischen Kolleg*innen über Unterrichtsinhalte, Schwerpunktsetzungen, methodische Ideen, etc. sehr erschwert, da seit Monaten nur wenig Unterricht in Präsenz stattfindet. Gleichzeitig ist der Bedarf an Austausch bei vielen Kolleg*innen groß, da sich durch die aktuelle Situation neue Herausforderungen für den Unterricht ergeben, sei es durch Online-Formate, Wechselunterricht, Fragen nach Leistungsbewertungen oder die Möglichkeit thematisch aktueller Bezüge.

Daher bieten wir mehrere Termine an, an denen sich Kolleg*innen im kleinen Rahmen jeweils zu einem Schwerpunktthema austauschen können.

Hierbei geht es vor allen Dingen darum, sich gegenseitig gute Ideen (Best Practice – Beispiele) vorzustellen, gemeinsam Ideen zu entwickeln, aber auch Raum zu geben, um Schwierigkeiten anzusprechen.

Die Austauschrunden finden jeweils von 17.30-19.00 Uhr statt.

Am Montag, den 7. Juni von 17.30 – 19.00 Uhr wird der erste Onlineaustausch dieser Art stattfinden. Hierbei werden die Inhalte des Halbjahres Q2 (insb. Q2.1 und Q2.2) in den Blick genommen. Nach einem kurzen Input zu den Inhalten und deren Bedeutung im Landesabitur soll ein offener Austausch zum Halbjahr ermöglicht werden, beispielsweise zur Implementierung der aktuellen Entwicklungen in den Unterricht oder möglicher methodischer Herangehensweisen. Das Halbjahr ist inhaltlich bereits vorangeschritten, daher können wir einen aktuellen Blick zurück auf die vergangenen Wochen im Unterricht werfen, gleichzeitig auch einen Fokus auf die noch folgenden Wochen legen.

Wir würden uns freuen, wenn Sie eigene Ideen oder Erwartungen einbringen würden. Gerne können diese auch im Vorfeld der Veranstaltung per Mail (s.u.) an uns übermittelt werden.

Wir bitten um eine Anmeldung zu dieser Veranstaltung über folgende Mailadresse joernbollinger@gmail.com bis zum 31. Mai.

Wir versenden die Einladung zunächst nur an Mitglieder der DVPB Hessen, sehr gerne können sich aber auch Kolleg*innen, Freunde und Bekannte anmelden.

Der Link zur Plattform wird den Teilnehmer*innen vor der Veranstaltung zugeschickt.

Die darauffolgende Veranstaltung wird das Thema „Verschwörungstheorien“ in den Blick nehmen, hierzu werden wir Sie zeitnah einladen.

Wir freuen uns über eine rege Teilnahme an unserer neuen Veranstaltungsreihe!

Herzliche Grüße,

der Vorstand der DVPB-Hessen

Stellungnahme der DVPB Hessen zur geplanten Schließung des Haus am Maiberg

Der hessische Landesverband der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) protestiert gegen die angekündigte Schließung des Haus am Maiberg in Hep- penheim und bittet das Bistum Mainz, die Schwere der Entscheidung zu bedenken und sie sachangemessen zurückzunehmen.

Die Abwicklung des Hauses würde der hessischen und darüber hinaus auch der bun- desdeutschen politischen Bildung schweren Schaden zufügen. Das Haus am Maiberg hat sich in den letzten 25 Jahren zu einer zentralen Institution in Hessen und der Bun- desrepublik entwickelt, in der sich politische BildnerInnen zum äußerst fruchtbaren, produktiven, streitbaren und zukunftsgerichteten Austausch trafen. Dies geschah ins- besondere unter der Leitung von Benedikt Widmaier.

Im Haus am Maiberg kamen Menschen zusammen, die sich sonst in dieser Form nicht getroffen hätten: LehrerInnen aller Schulformen und WissenschaftlerInnen aus den Er- ziehungswissenschaften und Fachdidaktiken, die zu politischer Bildung als Schulfach, zu politischer Bildung als fächerübergreifendem Schwerpunkt und zur außerschuli- schen Jugend- und Erwachsenenbildung arbeiten, trafen in Heppenheim ebenso auf- einander wie Kinder, Jugendliche, SchülerInnen, VertreterInnen der Zivilgesellschaft, Studierende, Promovierende und Emeritierte.

Als außerschulische und außeruniversitäre Bildungsstätte eröffnete das Haus am Mai- berg insbesondere auch SchülerInnen – als Schulklasse und individuell – und Studie- renden Möglichkeiten, politischen Themen zu begegnen und miteinander zu diskutie- ren sowie Methoden der politischen Bildungsarbeit kennenzulernen und zu erproben. Das Bistum Mainz hat mit dem Haus am Maiberg – gerade für die politische Bildung in Hessen – einen zentralen Ort der Begegnung, des Austausches, der Weiterbildung und des Diskurses für Menschen aus unterschiedlichen Kontexten und mit verschie- denen Hintergründen geschaffen und damit auch wesentlich – weit über Konfessions- und Landesgrenzen hinweg – zwischen Kirche und Gesellschaft vermittelt.

In enger Zusammenarbeit mit der DVPB Hessen, der Bundes-DVPB und anderen Ver- bänden entstanden am Haus am Maiberg Arbeitskontexte mit neuen und nachhaltigen Impulsen. Zeugnisse hierfür sind die zahlreichen Tagungen und Publikationen, die aus

Veranstaltungen in Heppenheim hervorgegangen sind. Die Veranstaltungen adres- sierten in den letzten Jahren zum Beispiel Fragen der Partizipation, Erinnerungspäda- gogik im Kontext des Holocaust, Rassismus und Rassismuskritik oder auch das Ver- hältnis von Religion und politischer Bildung. Wie wichtig die Bildungsarbeit im Haus am Maiberg für das Bundesland Hessen ist, zeigte sich z. B. im Jahr 2016, als die Regionalstelle Süd des Demokratiezentrums Hessen dort angesiedelt wurde. Seither werden im Haus am Maiberg nicht nur wichtige Koordinierungsaufgaben im Rahmen der Mobilen Beratung bei Problemen mit Rechtsextremismus und Rassismus wahrge- nommen, sondern auch zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen für MultiplikatorInnen und pädagogische Fachkräfte angeboten.

Der Landesverband Hessen der DVPB hat durch die Zusammenarbeit mit dem Haus am Maiberg seine eigene Arbeit über Jahrzehnte so intensiviert, dass wir uns heute mit WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen außerschulischer und schulischer politi- scher Bildung zusammen für die Belange der politischen Bildung in Hessen und dar- über hinaus engagieren. Aus dieser engen Zusammenarbeit heraus wurde der Leiter des Haus am Maiberg, Benedikt Widmaier, in den Landesvorstand der DVPB Hessen und auch den Bundesvorstand der DVPB gewählt.

Die DVPB Hessen appelliert an das Bistum Mainz auf, seine Entscheidung, das Haus am Maiberg zu schließen, zu überdenken und in einen gemeinsamen Diskurs über die Zukunft der politischen Bildungsarbeit zu treten.

Die Mitglieder des Vorstandes der DVPB Hessen

  • Dr. Christoph Bauer – Studienrat in Frankfurt/M.
  • Jörn Bollinger – Studienrat in Wiesbaden
  • Anka Bruns-Junker – Justus-Liebig Universität Gießen
  • Prof. Dr. Andreas Eis – Universität Kassel
  • Dr. Susann Gessner – Philipps-Universität Marburg
  • Juliane Hammermeister – Studienrätin in Frankfurt/M.
  • Philipp Klingler – Philipps-Universität Marburg
  • Maria Schneider – Justus-Liebig-Universität Gießen
  • Marcel Studt – Studienrat in Frankfurt/M.
  • Dr. Martina Tschirner – Goethe-Universität Frankfurt und Chefredakteurin der POLIS

 

 

Schweriner Erklärung der GEW

Der Landesvorstand der DVPB Hessen begrüßt die Schweriner Erklärung der GEW. Wir teilen die Auffassung, dass politische Bildung selbstverständlicher Bestandteil jeglicher Bildungsprozesse werden muss. Junge Menschen, wie auch Menschen in beruflicher Aus- und Weiterbildung sollen die Kompetenzen erlangen, die nötig sind, um politische, technische und soziale Entscheidungen in ihren Folgen und Verschränkungen einschätzen zu können. Politische Bildung steht in der Verantwortung, die Lernenden bei der Entwicklung einer reflektierten Wertehaltung zu fördern.
Die Schweriner Erklärung ist hier abrufbar:

Klaus Ahlheim (1942–2020) – ein Nachruf

„Solange politische Erwachsenenbildung an dem Ziel eines autonomen Subjekts festhält, kann sie auf rationale Aufklärung nicht verzichten.“ (Klaus Ahlheim)

Am 17. Juni verstarb Prof. Dr. Klaus Ahlheim in seiner Wahlheimat Berlin.

Klaus Ahlheim war Professor für Erwachsenenbildung. Entgegen allen konstruktivistischen, affirmativen und modernistischen Konjunkturen hielt er an einer emanzipatorischen und an Aufklärung orientierten Bildung, vor allem der politischen Bildung fest. Der bildungspolitisch durchgesetzten Markt- und Verwertungsideologie hat er sich argumentationsstark widersetzt. Um diese Themen kreisen viele seiner zahlreichen bedeutenden Schriften; die wichtigste dürfte sein 1990 veröffentlichtes und 2008 neu aufgelegtes Buch mit dem programmatischen Titel „Mut zur Erkenntnis“ sein.

Ahlheim studierte Theologie, zunächst in Marburg. Dort machte er die Erfahrung, dass die NS-Zeit keine Rolle spielte und manche seiner Professoren „erzreaktionär“ waren. Hier liegt wohl ein Schlüssel für seine Abwehr gegen Nationalismus und Fundamentalismus. Sein Studium setzte Ahlheim in Berlin und Mainz fort. Hier konkretisierte sich sein pädagogisches Grundverständnis, das er so beschreibt: „Solide Information, Wissen, Erkenntnis, auch wenn sie mühsam und unbequem sind, haben etwas Befreiendes, machen auch politisches Handeln erst möglich, ohne sie ist Pädagogik Zurichtung und Indoktrination.“

1972 promovierte Ahlheim in München mit einer Arbeit über Max Webers Religionssoziologie. 1971 wurde er Vikar in Ingelheim am Rhein. Ein Jahr später ging er als Studentenpfarrer nach Frankfurt, das blieb er bis 1981. Diese Zeit war für ihn, wie er schreibt, „eine Befreiung“. Denn Ahlheim öffnete seine Arbeit für kritische Positionen und Vertreter der nachwirkenden Studentenunruhe.

1981 habilitierte er sich in Frankfurt mit einem Thema zur Arbeiterbildung in der protestantischen Erwachsenenbildung. Im folgenden Jahr wurde er auf eine Professur für „Erwachsenenbildung und Außerschulische Jugendbildung“ in Marburg berufen. Hier wandte er sich auch der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit zu.

1994 nahm er einen Ruf der Gesamthochschule Essen, später Universität Duisburg-Essen, an. Seine Themen in Seminaren, Vorträgen und Veröffentlichungen waren Arbeiterbildung, Vorurteilsforschung, Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und weitere Akzentuierungen einer emanzipatorischen politischen Bildung.

Nach seiner Emeritierung zog er Bilanz: Er kritisierte das „betriebswirtschaftliche Neusprech“ in der Weiterbildung. Die Universität wurde für ihn zu einer „modernen Berufszurichtungsanstalt“.

In seinem letzten Wohnsitz veröffentlichte er eine Reihe von Schriften, die sich kritisch mit dem Zustand der politischen Bildung, dem Rechtsextremismus und Ethnozentrismus beschäftigen.

Klaus Ahlheim war eine kantige, kraftvolle und konflikterprobte Person, bis zuletzt ein meinungsstarker Vertreter einer kritischen politischen Bildung.

Klaus-Peter Hufer

Verschiebung des Hessischen Politiklehrertags 2020

Aufgrund der aktuellen Corona-Situation hat sich der Vorstand der DVPB-Hessen entschieden, den für den September 2020 geplanten Politiklehrertag zu verschieben. Die Verschiebung ist uns nicht leichtgefallen, insbesondere da wir viele spannende Referentinnen und Referenten gewinnen konnten. Wir freuen uns daher bereits jetzt auf die Durchführung im kommenden Jahr.

Als neuer Termin wurde der 22.9.2021 festgelegt.

Erste Stellungnahme zur Antwort des Ministerpräsidenten Prof. Dr. Lorz zu den geplanten Maßnahmen zur Stärkung schulischer politischer Bildung in Hessen

Am 25.02.2020 erfolgte eine Stellungnahme des Kultusministers auf eine Kleine Anfrage durch Christoph Degen (SPD) im hessischen Landtag. Die vollständige Anfrage sowie die Antwort des Ministers sind unter folgendem Link abrufbar http://starweb.hessen.de/starweb/LIS/servlet.starweb?path=LIS/PdPi_FLMore20.web&search=WP%3d20+and+R%3d2629 .

Die DVPB Hessen teilt die Auffassung des hessischen Kultusministeriums (HKM), dass das Verständnis von politischen Prozessen und politische Urteilsfähigkeit elementare Voraussetzungen für die Partizipation eines mündigen Bürgers in einer Demokratie darstellen.

Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, ist es aus Sicht der DVPB jedoch nicht hinnehmbar, dass der Anteil des Fachs Politik und Wirtschaft, der im Schuljahr 2018/2019 an öffentlichen Schulen fachfremd unterrichtet wurde, in den Schulamtsbezirken zwischen 12,9 Prozent und 32,9 Prozent lag. Die schulische politische Bildung muss aus Sicht des Landesverbandes durch sozialwissenschaftlich und fachlich qualifizierte Lehrkräfte kompetent unterrichtet werden. Dies ist derzeit nicht durchgängig gegeben, weshalb wir das HKM auffordern, die benötigten Politik-Wirtschaft-Lehrkräfte einzustellen bzw. hierfür neue Stellen zu schaffen.

Um die Ausweitung des Faches Politik und Wirtschaft in der Sekundarstufe I zu ermöglichen, wird vom HKM ein Mehrbedarf von etwa 50 Stellen an Hauptschulen und integrierten Gesamtschulen angenommen. Auch diese Stellen müssen daher durch entsprechend ausgebildete Lehrkräfte besetzt werden.

Des Weiteren fordert die DVPB Hessen das HKM auf, die Planungen zur Sicherstellung einer Ausweitung des Politikunterrichts zeitnah abzuschließen. Politische Bildung sollte in jeder Klassenstufe als eigenes Fach unterrichtet werden. Nur so kann das Leitbild politischer Bildung, mündige Bürgerinnen und Bürger, erreicht werden.

„Aufgeklärt statt autonom“: Gutachten zu fragwürdigem Unterrichtsmaterial des Innenministeriums

Die beiden Vorstandsmitglieder Christoph Bauer und Martina Tschirner haben im Auftrag der GEW Hessen ein Gutachten zu einem Bildungsmaterial des Vereins „Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung“  in Zusammenarbeit mit dem hessischen Innenministerium: „Aufgeklärt statt autonom“ soll vor Gefahren des Linksextremismus warnen.
Im Kern zeigt das Gutachten auf, dass das Unterrichtsmaterial eher als didaktisierter Verfassungsschutzbericht zu lesen ist, der als Bildungsmaterial zudem manipulativ, einseitig, verfälschend und unkritisch aufgebaut ist.
Der Bericht ist über die Seite der GEW abrufbar.

Tagung 2020: Fachliche Bildung und digitale Transformation in Regensburg

Fachliche Bildung unterliegt grundlegenden Veränderungen im Zei­chen digitaler Transformation. Diese zeigen sich auf der Ebene fachli­chen Lehrens und Lernens. So wandeln sich die Rollenverteilung von Lehrenden wie  Lernenden und das Bewusstsein darüber, wie Verant­wortung in beiden Gruppen verteilt  und genutzt werden kann. Lern­zeiten lassen sich individualisieren und Schülerinnen und Schülern er­öffnen sich neue Räume für selbstgesteuertes und partizipatives fach­liches Lernen. Zugleich sind digitale Formen der Gewinnung, Darstel­lung, Vermittlung und Aneignung fachlichen Wissens  und fachbezo­gener Fähigkeiten weit mehr als neue Werkzeuge des Lehrens und Lernens im Fach. Vielmehr unterliegt jedes Fach und jede Fachdidak­tik auf je eigene Weise einem Prozess digitaler Transformation. Die­ser schließt fachdidaktische Forschung und die Anforderungen an die Lehrerbildung in der ersten, zweiten und dritten Phase mit ein. Auch Fragen digitaler Ethik im Zeichen von Algorithmisierung, Big Data und KI sind berührt.

Die Tagung wird von der Gesellschaft für Fachdidaktik (GFD) ausgerichtet. Die GDF ist der Dachverband der fachdidaktischen Fachgesellschaften in Deutschland, in der auch die DVPB Mitglied ist.

Weitere Informationen finden sich auf der Website der Regensburger Universität: https://www.uni-regensburg.de/physik/didaktik-physik/gfd-tagung-2020/index.html